Husain ibn Mansur  AL-HALLAJ

     

(geb. 858 Al-Baida [Iran], gest. 922 Bagdad [Iran])

Al-Halladsch war ein eigenwilliger und unabhängiger Geist, der in mehrfacher Hinsicht gegen die zu seiner Zeit gängigen Ansichten und Verhaltensnormen verstieß. Durch exzentrisches Benehmen und angreifbare Äußerungen machte er sich bei den politischen und religiösen Autoritäten verdächtig. Seine Worte zeigen, dass er über die eng gefassten Glaubensmeinungen der Orthodoxie weit hinausgelangt ist. Besonderen Anstoß erregte er mit der Preisgabe seiner mystischen Erfahrungen, die von Menschen ohne solche Erlebnisse missgedeutet werden konnten und missgedeutet werden mussten. Halladschs absolute Gottesliebe und seine Lehre von der liebenden Einigung des geschaffenen menschlichen und des ungeschaffenen göttlichen Geistes, die der Mensch in seltenen Augenblicken der Extase erfahren kann, erschien den Theologen und Gelehrten unerlaubt, ja unmöglich. Hinzu kamen Berichte über angebliche Wundertaten. 912 wurde Halladsch verhaftet und 922 trotz der Fürsprache hochgestellter Persönlichkeiten zum Tode verurteilt. Das Urteil nahm er ungerührt entgegen, auf dem Wege zur Richtstätte lachte er und tanzte in seinen Fesseln. Fariduddin 'Attar gibt die folgende Beschreibung von der Hinrichtung:

»Sie sahen viele Wunder, die er bewirkte. Geschwätz ging um, und seine Reden wurden dem Kalifen hinterbracht. Schließlich war man sich darüber einig, dass er sterben müsse.
Der Kalif ließ ihn ins Gefängnis werfen. Sie schlugen ihn dreihundert Mal mit Stöcken. Dann führten sie ihn hinaus zur Hinrichtung.
Als sie ihn zum Galgen gebracht hatten, küsste er das Holz und setzte seinen Fuß auf die Leiter.
"Wie fühlst du dich?" verspotteten sie ihn.
"Der Aufstieg wahrer Menschen führt zur Spitze des Galgens" antwortete er.
Er wandte sich gegen Mekka, erhob die Hände und betete.
Dann hieben sie ihm die Hände ab. Er lachte.
Sie hackten seine Füße ab. Er sagte lächelnd: "Mit diesen Füßen machte ich eine Reise auf Erden. Ich habe andere Füße, die jetzt durch beide Welten wandern. Wenn ihr könnt, hackt diese Füße ab!"
Dann rieb er mit seinen blutigen Armstümpfen über sein Gesicht, so dass Arme und Gesicht blutig wurden.
"Warum hast du das getan?" fragten sie ihn. "Ich habe viel Blut verloren und glaube, dass mein Gesicht blass geworden ist. Ihr denkt, meine Blässe kommt aus Angst. Ich habe Blut auf mein Gesicht gewischt, damit ich in euren Augen rote Backen habe."
Dann stach man ihm die Augen aus.
Dann wollte man seine Zunge abschneiden. "Wartet noch ein wenig, gebt mir noch Zeit für ein Wort" bat er dringend. "O Gott", schrie er gen Himmel, "verstoße sie nicht wegen der Leiden, die sie mir um Deinetwillen antun, noch entziehe ihnen die Glückseligkeit. Gelobt sei Gott, denn sie haben meine Füße abgehackt, als ich auf dem Wege zu Dir war. Und wenn sie mir den Kopf abschlagen, so haben sie mich doch auf die Höhe des Galgens gebracht, wo ich Deine Majestät betrachte."
Dann schnitten sie ihm Nase und Ohren ab.
Die letzten Worte, die Halladsch sprach, waren: "Die Liebe zu dem Einen führt zur Einswerdung mit Ihm".
Nach diesen Worten schnitten sie seine Zunge ab. Zur Zeit des Abendgebetes schnitten sie seinen Kopf ab. Er lächelte, als sie das taten.
So starb Halladsch.«

                                                                                                                                                          Annemarie Schimmel, O Leute, rettet mich vor Gott!, Herder

In meinem Herzen kreisen

alle Gedanken um Dich,

Anderes nicht spricht die Zunge
als meine Liebe zu Dir.

Wenn ich nach Osten mich wende,
strahlst Du im Osten mich wende;

Wenn ich nach Westen mich wende,
stehst vor den Augen Du mir.

Wenn ich nach oben mich wende,
bist Du noch höher als dies;

Wenn ich nach Unten mich wende,
bist Du das Überall hier.

Du bist, der allem den Ort gibt,
aber Du bist nicht sein Ort;

Du bist in allem das Ganze,
doch nicht vergänglich wie wir.

Du bist mein Herz, mein Gewissen,
bist mein Gedanke, mein Geist,

Du bist der Rhythmus des Atmens;
Du bist der Herzknoten mir.

                                                                                                                                         Al Halladsch - O Leute, rettet mich vor Gott, Annemarie Schimmel

 

HUSSEIN IBN MANSUR EL- HALLAJ ist der größte Märtyrer der Sufis.

Wie viele Eingeweihte wählte er eine Berufsbezeichnung als Rufname - HALLAJ, der Wollkrämer oder Baumwoll-Aufbereiter. Die Tarnung von sufischen Gruppen und ihren Versammlungen unter dem Mantel der Organisation einer Gilde ist einer der Gründe für eine solche Wahl. GHASALI der Spinner und ATTAR der Drogist sind weitere Beispiele. Die Sufis wählten jedoch stets Berufsbezeichnungen, die auch Hinweise auf ihr besonderes Anliegen im Rahmen des Sufismus enthielten.

HALLAJ wurde wegen der Assoziation der Berufsbezeichnung mit olle (suf) gewählt, und auch weil alternative Bedeutungen der HLJ – Wurzel im Arabischen „langsam gehen“ und auch „Blitze schleudern“ sind.

HALLAJ wurde im Jahre 922 hingerichtet, weil er Dinge sagte, wie:

„Ich bin die Wahrheit“

(ANA EL-HAQQ)

und sich weigerte zu widerrufen, was als die schlimmste Blasphemie betrachtet wurde. Man nahm an, dass er wie viele Sufis ein Alchemist gewesen ist, und in der Literatur seiner Gegner wird er als Scharlatan hingestellt. Einige der bedeutendsten (größten) Sufis waren seine  Freunde und er gilt als einer der bedeutendsten (größten) Sufi – Meister. Er lehrte, der Sufismus sei die innere Wahrheit aller wahren Religion, und da er die Bedeutung von Jesus als eines Sufi – Lehrers betonte, warfen ihm Fanatiker vor, ein heimlicher Christ zu sein.

Einer der Angelpunkte gegen ihn war, dass er eine Anzahl wunderbar ausgeschmückter Bücher besaß.

Seine Behauptung, man könne die Pilgerfahrt nach Mekka auch anderswo durchführen, wenn man nur die entsprechenden Rituale befolge, wurde als schwere Ketzerei angesehen.

In seiner Offenbarung des Verhüllten verteidigt ein Mann von der Autorität des HUJWIRI ihn mit den Argumenten, die Aussagen eines Sufis ließen sich nicht mit niederen Kriterien beurteilen.

Von der Inquisition des Kalifen el-Muqtadir verurteilt, schritt HALLAJ am 26. März 922 zur Stätte seiner Hinrichtung. Er wurde gefoltert und verstümmelt, aber er zeigte keine Furcht.

 Sein letztes öffentliches Gebet war:

 

O Herr, lass mich dankbar sein für die baraka,

die ich empfangen habe,

da ich erkennen dürfte,

was andere nicht erkennen.

Göttliche Geheimnisse,

von denen andere denken,

sie verstießen gegen das Gesetz,

sind mir also rechtens geworden.

Vergib diesen Deinen Dienern,

die hier versammelt sind, um mich zu töten,

und sei ihnen gnädig.

Hättest Du ihnen enthüllt, was Du mir offenbart hast,

würden sie nicht so handeln.“

 

aus: IDRIES SHAH: DIE SUFIS / Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier © 1964 / Seite: 298/299)

 

Mag ich mich vor einem anderen als dir niederwerfen oder mag ich mich nicht niederwerfen, ich kann nicht umhin, zum wahren Ursprung zurückzukehren. Denn Du hast mich aus Feuer geschaffen (Sure 7,12). Das Feuer aber kehrt zurück zum Feuer, und dein sind Vorausbestimmung und Wahl.

Deine Ferne eignet für mich kein Fernsein, nachdem ich Gewissheit habe, dass Nähe und Ferne eins sind.

Wenn ich auch in die Trennung gestoßen werde, so ist doch die Trennung mein Gefährte.

Doch wie sollte die Trennung zutreffen, wo doch die Liebe findet?

Lob dir ob des Gelingens, gegeben zu einer reinen Zuneigung

Einem lauteren Diener: Er wirft sich vor keinem anderen als dir nieder.

 

Aufgegangen ist die Sonne Meines Geliebten in einer Nacht,

Aufgeleuchtet ist sie, sie kennt keinen Untergang.

Die Sonne des Tages steigt empor in der Nacht,

Die Sonne des Herzens aber geht nicht unter.

 

Ich sah meinen Herrn mit den Augen meines Herzens.

Ich sprach: Wer bist du? Er sagte: Du!

Bei dir hat das Wo kein Wo,

Wo du bist, ist kein Wo.

Die Vorstellungskraft hat keine Vorstellungskraft von dir,

Sodass sie wüßte, wo du bist.

Du bist der, der alles Wo umfasst

Bis hin zum Nichtwo. Wo also bist du?

 

Abwesend bist du, doch nicht von meinem innersten Bewusstsein,

Vermischt hat sich mein Kummer mit meiner Freude.

Vereint hat sich die Verbundenheit mit einer Trennung,

Sodass ich in meiner Abwesenheit anwesend bin.

Du bist in der Tiefe meiner geheimen Gedanken

Tiefer verborgen als die Vorstellung in meinem innersten Bewusstsein.

Du bist fürwahr bei Tag Vertrauter mir

Und in der Finsternis der Partner meines Nachtgesprächs.

 

Hineingewirkt ist dein Geist in meinen Geist,

Gleich wie Ambra in wohlriechenden Moschus.

Wenn etwas dich berührt, berührt es mich.

So bist du also ich, geschieden sind wir nicht.

 

Dein Ort in meinem Herzen ist das ganze Herz,

Drum ist für kein Geschöpf an deinem Ort ein Platz.

Eingebettet hat mein Geist dich zwischen meiner Haut und meinen Knochen.

Wie meinst du werde ich, wenn ich dich misse, handeln?

 

Ich bin der, den ich liebe, und der, den ich liebe, ist ich.

Wir sind zwei Geister, die Wohnung nahmen in einem Leib.

Wenn du mich siehst, siehst du ihn,

Und wenn du ihn siehst, siehst du uns.

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