Der geistliche Pfad

Das Tariqat ist der Weg, auf dem der Sufi zu Harmonie mit der Göttlichen Natur kommt. Wie besagt, besteht dieser Weg aus geistlicher Armut (faqr), Hingabe und der fortlaufenden, selbstlosen Erinnerung an Gott (zekr) , welche den Mantel des Derwischs (kherqeh) darstellt.

1 .Geistliche Armut (faqr)

Dies ist sowohl das Gefühl, unvollkommen und ärmlich zu sein, als auch der Wunsch nach Vollkommenheit. Der Prophet Mohammed sagte, "Meine Armut ist meine Ehre. Ich wurde dadurch mehr und über alle Propheten geehrt, als ich mit geistlicher Armut geschmückt wurde ". Und Gott offenbarte dem Propheten, " Sprich: Gott steigert mein wahres Wissen über Dich ". Wie dieser Spruch zeigt, war es, obwohl Mohammed die Ehre des Prophetentums gegeben wurde, immer noch notwendig , daß er seine Armut und seinen Wunsch fühlt, dem Wesen Gottes näher sein zu können.

2 . Der Mantel des Derwisch (kherqeh)

Der Kherqeh ist das Ehrenkleidungsstück vom Derwisch. Es symbolisiert die göttliche Natur und Eigenschaft. Einige Leute haben sich versehentlich vorgestellt, daß der Mantel diese Eigenschaften tatsächlich besitzt und haben gemeint, daß wenn man solch einen Mantel trägt, man ein Heiliger wird. Jedoch geistliche Kleidung zu tragen, macht noch keinen Geistlichen. Ein Sufi trägt, was er oder sie mag, und ist damit in Harmonie mit dem, was gesellschaftlich üblich ist. 'Ali sagte "Trage jene Kleidung, die Dich nicht herabsetzt und Dich nicht bewundernswert oder beneidenswert macht". Deshalb ist es nicht die Kleidung, die den Sufi ausmacht, sondern es sind seine oder ihre Taten und Innenwesen.

Lehne Dich an den Thron des Herzens,
und sei ein Sufi mit Reinheit und Manier.
-- Sa'di

Der Mantel ist mit der Nadel der Hingabe und dem Faden der selbstlosen Erinnerung an Gott genäht. Er oder sie, der mit diesem Mantel der Armut geehrt werden möchte, muß sich mit Hingabe einem geistlichen Führer ergeben. Wahre Hingabe zieht das Herz zum Geliebten hin. Das schließt fortlaufende Aufmerksamkeit für die Wahrheitsrealität und konstante Bemühungen ein, von der Aufmerksamkeit auf das Selbst loszulassen. Und dies schließt unbestrittenen Gehorsam gegenüber einem geistlichen Führer ein.
Der Meister (Morad) dringt mit geistlichen Mitteln in die Tiefen der Seele des Jüngers (Morid) ein, verwandelt seine negativen Qualitäten und vernichtet die Verunreinigungen der Welt der Vielfalt (Kesrat). Mit anderen Worten nimmt der Meister die Nadel der Hingabe aus der Hand des Jüngers und näht mit dem Faden der selbstlosen Erinnerung des Jüngers an Gott den Sufimantel für den Jünger. Dann wird der Jünger, durch die Gnade dieses Mantels mit göttlichem Namen und Attributen, ein perfektes Wesen.

3 . Kontinuierliche, selbstlose Erinnerung an Gott (zekr)

In der absoluten unendlichen Einheit sind Kräfte enthalten , die ausstrahlen und als Geschöpfe erscheinen. Jedes Wesen empfängt entsprechend seiner Natur Gnade von diesen Kräften. Im Reich der Wörter, werden die Manifestationen dieser Kräfte oder Wahrheiten mit göttlichen Namen beschrieben. Beispiele sind: das Lebens (al-hayy), das bedeutet, daß das Leben der Schöpfung direkt mit Gott verbunden ist; und die Transzendenz (al-' ali), die bedeutet, daß die Kraft des Universums bei Gott ist.
Die göttlichen Namen werden bei der fortlaufenden, selbstlosen Erinnerung an Gott (zekr) vom Meister des geistlichen Pfads verordnet, um seine Jünger von der Krankheit des Selbsts und ihren Begierden und Ängsten zu heilen.
Aber diese Erinnerung ist von keinem Wert, es sei denn, er nimmt alle seine Sinne zusammen, um sich vollständig auf die Realität des jeweiligen Namens zu konzentrieren.
Nur durch volle Bestätigung und durch Liebe zur Realität dieser göttlichen Namen, kann die Aufmerksamkeit zum Selbst vernichtet werden. Dann wird das Selbst gereinigt und mit göttlichen Attributen geschmückt.

Nur auf diese Weise kann die Wiederholung der göttlichen Namen die selbstlose Erinnerung an Gott
(zekr) genannt werden.

Der Jünger ist wie eine Maschine, deren Energie aus Hingabe stammt. Diese Maschine verwandelt mittels der selbstlosen Erinnerung an Gott die Begierden und Ängste des Selbst in göttliche Attribute. Allmählich stirbt das Selbst des Jüngers und die göttliche Natur erscheint; dann wird der Jünger getreulich der Empfänger des Sufimantels, und sein Herz und seine Seele werden von der Gnade der göttlichen Attribute erleuchtet. An dieser Stelle ist der Jünger es wert, in die geistliche Feier der Sufis einzutreten, die in der "Taverne von Ruin" (kharabat) stattfindet. Dies ist der geistliche Zustand, das Selbst in Gott verwandelt zu haben(fana). Hier nimmt der Sufi die Geheimnisse der Wahrheit direkt wahr. Wie im Koran besagt wird "Nur die Gereinigten erfahren die Wahrheit". Diese Gereinigten werden in Sufismus perfekte Wesen genannt.

Um zu zeigen, wie die Erinnerung (zekr) gemacht wird, lassen Sie uns das Beispiel für LA ILLAHA ILLALLAH betrachten. Das bedeutet, es gibt keinen Gott außer Gott.

Der Sufi sitzt entweder mit gekreuzten Beinen oder auf seinen oder ihren Fersen,die rechte Hand auf dem linken Oberschenkel und die linke Hand über dem rechten Handgelenk. In dieser Position formen seine Hände und Beine ein y LA (Negativwort auf Arabisch), das symbolisiert die Inexistenz des Sufi vor dem Geliebten. In diesem Zustand muß der Sufi die Aufmerksamkeit für und den Glauben an diese Welt und das Jenseits, und auch sich selbst aufgeben.
Das Y der Arme beginnt am Nabel und setzt sich bis zum Hals fort. Es ist eine Schere, welche das Abschneiden des Kopfes vom Selbst symbolisiert sowie das Aufgeben des Glaubens an die eigene begrenzte Existenz.

Mit ILLAH (Gott) bewegt der Sufi seinen Kopf und Hals in einem Halbkreis nach recht. Dies wird der Bogen der möglichen Existenz genannt. Die Bewegung symbolisiert die Negation, oder besser, das Aufgeben des Glaubens an etwas "Anderes als Gott".
"Anderes als Gott" sind im Sufismus lediglich alle vorübergehenden, beschränkten und möglichen Existenzen.
Menschen neigen zu diesen Scheinexistenzen anstatt zu der ewigen, alles umfassenden, notwendigen und absoluten Realität Gottes. Dann bewegt der Sufi mit ILLA LLAH seinen Kopf und Hals nach links. Dies wird der Bogen der Notwendigkeit genannt und symbolisiert die Realität des Notwendigen, die absolute Realität.


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