Dr.  JAVAD   NURBAKHSH´s
"Im Paradis der Sufis"

In deinem Herzen und deiner Seele

gedenkst du Unser wahrhaftig nur,

wenn du beide Welten vergessen hast.

SCHAH NIMATULLAH WALI

Aus dem INHALT:

TASAWWOF: Ziel und Methode des Sufismus

(Aus einer Rede vor der Amerikanischen Universität zu Bairut, 1967)

ZEKR: Das Herz der Sufi-Praxis

FEKR: Die Kontemplation der Sufis

MOHÂQEBE: Die Meditation der Sufis

MOHÂSEBE: Die Selbstprüfung der Sufis

VERD: Die Anrufung der Sufis

DIE REGELN UND SITTEN DER EINWEIHUNG IN DEN SUFI-PFAD

 

 

TASAWWOF ( Sufismus / Sufik / Sufitum ) ist eine Schule der geistigen Zustände. Sufi wird man durch Sein, nicht durch theoretische Erörterung. Da sich spirituelle Zustände nicht in Worte fassen lassen, haben Sufi-Shaykhs erklärt: „Was mit Worten wiedergegeben werden kann, ist nicht TASAWWOF!“ Was hervorragende Sufis über TASAWWOF gesagt haben, war Ausdruck ihrer jeweiligen Stimmungen und Zustände, bezog sich auf einzelne Merkmale und sollte nicht fälschlich für eine allgemeine Definition von TASSAWWOF gehalten werden. TASAWWOF ist die Reise zur Wahrheit, „genährt“ durch Liebe gibt es nur eine Blickrichtung und ein Ziel: Gott. Am Ende der Reise verbleibt nichts außer Gott.

 

Menschen, die TASAWWOF studieren und interpretieren, werden Sufiologen (motessawef) genannt. Selbst wenn sie Informationen über Sufi-Eigenschaften haben und darüber schreiben, bedeutet das nicht, dass sie diese auch besitzen und Sufis sind. Dennoch ist es jedem möglich, vollkommen zu werden. Der Weg zur Vollkommenheit führt über Selbstreinigung unter der Anleitung eines vollkommenen Meisters. Dieser Schulungs-Prozess wird Spiritueller Pfad (tariqat) genannt. Am Anfang der Schule stehen die Gebote des Islams (shari´at) und am Ende das Erreichen der Schwelle der Wahrheit (haqiqat).

 

Der Jünger, der den Spirituellen Pfad (tariqat) betritt, wird „morid“ genannt. Die Bezeichnung des Meisters auf der „tariqat“ ist „morâd“.Der Jünger beginnt seine Reise auf diesem Pfad, durch Anziehungskraft „talab“, was einerseits auf das „Anziehen“ und „Rufen“ von Gott hinweist und andererseits auf das „Angezogen-Werden“ und „Suchen“ des Schülers hinweist.

„Talab“ ist die Suche nach ewiger Schönheit, Güte und Vollkommenheit.

„Faqr“ ist die spirituelle Armut, ein Zustand der Bedürftigkeit, die den Bedürftigen (faqir) danach drängt, Hilfe zu suchen und ihn auf den Spirituellen Pfad (tariqat) führt.

 

Die Beziehung zwischen Meister und Jünger beruht auf vollkommenem Vertrauen des Jüngers in seinen Meister. Die Sufis sagen, dass man zweimal geboren werden muss: einmal von seiner Mutter und zum zweiten Mal in die Welt der Liebe, Hingabe und Einheit.Der Meister (morâd) ist ein vollkommener Mensch, der alle Abschnitte des Pfades gegangen ist.

 

Ein wahrer Jünger verliebt sich in die spirituelle Schönheit des Meisters und mit seinem Herzen bezeugt er die spirituelle Schönheit des Meisters. Bevor sich der Jünger nicht in die göttliche Schönheit des Meisters verliebt hat, kann er dem Meister nicht ergeben sein. Hat der Jünger seinen Meister gewählt und ist in Glauben an ihn erfüllt, wird er den Anweisungen seines Meisters folgen, auch wenn diese ihm nicht sofort verständlich erscheinen. Ein wahrer Jünger ist ein Jünger seines Meisters Shaykh und nicht ein Jünger seines Meisters Ego.

 

Die Entwicklung des Jüngers (morid) auf dem Spirituellen Pfad (tariqat) verläuft in zwei Stadien. Zu Beginn unterliegt der Jünger einem psychischen Prozess, in dem seelische Konflikte aufgelöst  werden, sodass er einen Zustand von seelischer Harmonie, Gesundheit des Denkens und inneren Frieden erreicht. Im zweiten Stadium wird der Jünger durch die Göttlichen Eigenschaften und das Göttliche Wesen erleuchtet. Der Meister beobachtet und kontrolliert den Jünger während der Anfangsphase gleich einem Psychotherapeuten. Ebenso wie in der Psychotherapie spielt während dieses Prozesses die Interpretation von Träumen und Visionen eine bedeutende Rolle. Der Meister versteht den Sinn und die Bedeutung der Träume und Visionen, erkennt die inneren Konflikte und Zwänge des Jüngers und heilt ihn davon. In dieser Hinsicht ist das erste Stadium des Pfades eigentlich Psychotherapie. Doch finden auf dem Spirituellen Pfad neben Psychotherapie auch Reinigung und Offenbarung gleichzeitig statt.

 

In besonderer Weise wird dem Jünger auf dem Spirituellen Pfad vom Meister ein Name Gottes übertragen, durch den der Jünger mit ununterbrochenem Gedenken an das Göttliche verbunden wird (zekr).

 

So lange saß er da,

mein offenes Herz betrachtend,

bis mein Herz von seinem Wesen

und seinen Wegen erfüllt wurde.

 

Die Sufis glauben, dass Gott unendlich viele Namen hat und jeder Name ein Attribut Gottes verkörpert. Jedes Attribut ruft wiederum ein Verständnis hervor und jedes Verständnis bewirkt die Erkenntnis der Göttlichen Allmacht.

 

 

Die Sufis sind der Meinung, dass der Mensch Vollkommenheit nur in der Gesellschaft erreichen kann und die größte Askese darin besteht, ausgeglichen unter den Menschen zu leben. Der Sufi dient äußerlich Göttes Geschöpfen, während er innerlich ausschließlich mit Gott beschäftigt ist. Seine Handlungen sind im Einklang mit Gottes Schöpfung und sein Inneres ist auf Gott ausgesichtet. Der Sufi ist nicht nur freundlich und hilfsbereit gegenüber anderen, er fühlt sich auch nicht beleidigt durch ihr ichbezogenes Verhalten. Die Gesellschaft ermöglicht ihm zu zeigen, dass er sich von Egoismus befreit und Selbstsucht hinter sich gelassen hat. Der Beweis dafür ist, dass er nicht beleidigt werden kann. Gegen ihn gerichtetes Verhalten kann ihn nicht mehr verletzen oder zu vorwurfsvollen Reaktionen veranlassen.

 

Wir halten unser Versprechen ergeben

Und tragen Verletzungen mit Freude;

Denn Unglaube ist auf unserem Pfad,

das Gefühl, verletzt zu sein.

 

Am Ende des Spirituellen Pfades (tariqat) erreicht der Jünger die geistige Station (maqâm) des „fana“

(Vergehen des Selbst in Gott; Entwerden)

 

Ich wurde zum Geliebten gezogen

wie ein Falter zur Flamme;

Als ich wieder zu mir kam,

war ich in der Flamme verbrannt.

 

ASHEQ-E ASFAHANI

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